Berauscht von bunten Steinen


Über 700 Kilometer. Von der Meeresbrise vorbei an Farnwäldern und Farmland, zu rotem Staub in der Luft und 35 Grad im Schatten. Nach Lightning Ridge zieht man nicht wegen dem angenehmen Klima. Bunter Stein lockt.


Seit über 100 Jahren zieht es Schatzsuchende an den Ort, dessen Sehenswürdigkeit im Untergrund liegt. Verborgen unter einer Schicht Sandstein. In mehreren Metern Tiefe. Dort, wo vor Millionen Jahren Wasser Adern in die Erde gebohrt hatte, bildete sich über weitere Millionen Jahre Opal. Wer heute die Erdgeschichte durchbohrt, die Gesteinsschicht ans Tageslicht befördert und darin den seltenen Stein findet, kann reich werden. Kann. Reich werden wohl die wenigsten.


Das Versprechen reicht, um die Natur zu zerstören. Lightning Ridge sehe zerbombt aus, sagt uns die Verkäuferin in einer Kunstgalerie. Für mich passt der Vergleich zu Maulwürfen besser. Statt Erdhaufen reihen sich Steinhaufen über Kilometer aneinander. Teils sind sie so hoch, dass ich nicht über sie sehen kann. Bäume gibt es kaum mehr. Ihre Stämme werden benutzt, um die Tunneldecken zu befestigen. Zwischen den Steinhaufen liegen Metallgitter über den Schächten, die in den Untergrund führen. Schilder weisen daraufhin, besser vorsichtig zu sein. Bei einem Sturz drohe der Tod, steht auf einem Warnhinweis. Die Schächte sind gerade bereit genug, um Maschinerie in die Tunnels hinunterzulassen und über eine Leiter hinunterzusteigen. Von Hand pickelt hier niemand mehr. Nur wenn man auf eine Ader stösst, nimmt man das feine Werkzeug zur Hand. Wer Opal zertrümmert, verliert Tausende Dollar.


Wie teuer der Stein ist, zeigt sich in den Vitrinen der vielen Schmuckläden des Orts. Preisschilder mit drei Zahlen finden sich kaum. Vier- bis sechsstellige Beträge werden für den Black Opal verlangt. Lightning Ridge ist der einzige Ort auf der Welt, wo es Black Opal gibt. Der Stein hat einen Regenbogen verschluckt und lässt ihn durch eine gläserne Schicht funkeln. Hat die Natur dieses Farbspiel auf einen schwarzen Hintergrund gepackt, ist der Stein besonders viel Wert. Geschliffen und in Gold gefasst, liegt er unter der Vitrine. Ob sich Touristinnen und Touristen diese Schmuckstücke leisten können, bezweifle ich.


Um das Interesse von Reisenden ringen die vielen Verkaufsläden in dem Ort. OPAL, OPAL, OPAL, steht in verschiedensten Schriftzügen auf Schildern, die an Fassaden hängen und auf dem Trottoir den Weg versperren. Wer in Lightning Ridge übernachtet, schläft vermutlich im Opal Hotel, Opal Hostel, Opal Campground, Opal B&B, trinkt einen Kaffee im Opal Café und geht im Opal Pub Abendessen. Naja, oder fast. Die Hauptstrasse heisst tatsächlich Opal Street. Der Stein regiert.


Das Tourismusbüro hat Wege ausgeschildert, auf denen Auswärtige mit dem Auto durch die Gegend fahren dürfen, um die 2000 aktiven Minen in Lightning Ridge etwas aus der Ferne anzuschauen. Betrieben werden die Minen von Privatpersonen und keinen grossen Firmen, wie uns eine Mitarbeiterin in einem Museum sagt. Privatgrund betreten ist verboten. Darauf deuten jedenfalls die Schilder hin, die in Marke Eigenbau vor Zufahrten zu den Camps der Schatzsuchenden hängen. Demnach muss es in Lightning Ridge viele bissige Hunde geben. Teils mehrere pro Grundstück. Wir halten uns fern. Auf der Fahrt fällt mir auf, wie bescheiden die Minenarbeitenden vermutlich leben. Wohnwagen stehen neben Hüttchen aus Wellblech. Das Leben wirkt improvisiert. Reichtum sieht für mich anders aus. Auf den Parzellen leben sie mobil, wenn eine Mine ausgeschöpft ist, geht es weiter zur nächsten.


In den Gesteinshaufen ist Opal verborgen. Ein Vorhängeschloss lässt sich kaum an einen Haufen hängen, verständlich also, dass es so viele unfreundliche Schilder gibt. Als Touri ist es verboten, die unzähligen Gesteinshaufen zu durchsuchen. Darauf weist uns eine ebenfalls unfreundliche Mitarbeiterin in einer Mine hin, die für Touris zur Besichtigung offen steht. Wir sind froh, besuchen wir eine andere Mine.


Wie viel Drecksarbeit hinter den polierten Steinen steckt, lässt sich kaum erahnen. Neben einer stillgelegten Mine, die heute ein Museum ist, türmen sich Steinhaufen, in denen sich Touristinnen und Touristen die Finger wund graben dürfen. Ein Selbstversuch über Tage: Erst frage ich im Museumsladen, auf was man beim Fossicking (Schürfen, aber nicht wie bei Gold in einem Fluss) achten soll. „Wenn du Opal findest, weisst du, dass es Opal ist“, sagt mir die Mitarbeiterin. Buddeln, Hämmern, Graben. Sonnenhut auf, Hammer in der Hand und Wasserflasche neben den Füssen legen wir zur Mittagszeit los. Erst sammle ich Steine, von denen ich glaube, die seien noch schön und würden vielleicht etwas verbergen. Gabriel hämmert grössere Steine auf. Vielleicht verbirgt sich was darin. Was wir tun sollten, wissen wir nicht. Finden tun wir ebenfalls nichts.


„Gebt nicht auf“, sagt ein Mann, der kurz zuvor noch neben uns gebuddelt hat. Er zeigt uns seinen Fund: Drei klitzekleine Steinchen, vergleichbar mit Glassplittern. Wertvoll sind sie nicht, aber wir sind begeistert. Plötzlich kitzelt es. Das Opalfieber. Wir hämmern und graben weiter. Wer verbringt Stunden bei über 30 Grad in der Sonne auf einem Steinhaufen? Wir. Nach einer Pause fahren wir zurück und buddeln weiter bis Sonnenuntergang – viel mehr zu tun gibt es in dem Ort auch nicht. Und wir finden was. Graue und blaue Steinchen. Sie fühlen sich gläsern an, schneiden die Finger aber nicht auf. Auch durchsichtige Steinchen finden wir. Das Glück ist gerecht: Je finden wir einen grösseren Stein. Also etwa so gross wie die Spitze eines Daumens. Nennt uns verrückt, ab jedem Steinchen freuen wir uns wie Kleinkinder. Einen Regenbogen enthält unser Fund nicht. Aber es ist Opal. Später finden wir heraus, dass es sich um die dünnen Gesteinsadern handelt („Potch“), die im Untergrund neben dem wertvollen Black Opal liegen und den Schatzsuchenden als Fährte dienen.

Unser Schatz.


Wie wir das herausgefunden haben? Opal begleitet uns in Sydney weiterhin. Der Selbstversuch half nicht nur zu verstehen, wie mühselig und langwierig die Suche nach Opal ist. Er befeuerte auch das Opalfieber. Zumindest bei Gabriel. Seither guckt er sich die Serie „Outback Opal Hunters“ an. Opalminen gibt es nicht nur in Lightning Ridge, je nach Region in Australien, sind die Steine anders ausgeprägt. Für Fragen dazu, verweise ich an den neuen Experten. Wie lange Gabriels Fieber noch andauern wird, ist schwer abschätzbar. Die Serie hat acht Staffeln mit je 8 bis 12 Episoden.

P.S.: In diesem Text habe ich auf Ligthning Ridge fokussiert. Die Reise dahin und zurück wäre mindestens ebenfalls einen Text wert. Ich will euch aber nicht weiter aufhalten. Um die Erzählung etwas zu beschleunigen, zeige ich hier einfach eine Bildergalerie vom siebentägigen Roadtrip – inklusive Camping und Wanderungen:

Mitten im Nirgendwo haben sich Künstlerinnen und Künstler, insbesondere John Murray, ausgetobt. Eine Auswahl: