Von Gold, Schrotkugeln und Elvis Presley

Es gibt Orte, die – aus meiner Sicht – interessante Menschen anziehen. Hill End ist ein solcher Ort. Er liegt vier Stunden von Sydney und eine Stunde vom nächst grösseren Ort entfernt. Vielleicht ist es die Abgeschiedenheit, welche die Gedanken frei sein lässt. Frei, sich den Mund, den Pinsel und den Ton nicht verbiegen zu lassen.

Den Ton eines Töpfers. Die Töpferei sei offen, steht auf einem Schild an einer Strassenecke. Sie sei wirklich offen, man soll einfach hineinspazieren, steht an einem Gartentor. Dennoch fühlt es sich fast etwas verboten an, das weitläufige Gelände zu betreten. Laute Sixties-Musik begrüsst uns, noch bevor wir die Eingangstür zum Atelier sehen. Die Tür ist zu. Wir läuten die goldene Glocke, die davor hängt. Ihr Klang geht in der Musik unter. Zwischen zwei Songs versuchen wir es nochmals. Ein älterer Mann, der mir bis zur Schulter reicht, öffnet die Schiebetür. „Kommt herein“, sagt er. Dann schlurft er in eine Küchennische des Ateliers, setzt sich an einen mit Büchern und Broschüren überdeckten Tisch und liest weiter in einem Buch. Scheu schauen wir uns um. Wir, das sind Myrthe aus Belgien, Jonas aus Schweden, Gabriel und ich. Teller, Vasen und Schüsseln stehen zum Verkauf. In der Mitte des Raums ist ein Ofen eingeheizt. Endlich ein bisschen Wärme an diesem Wintertag.

Jonas träumt von einem solchen Atelier. Bild: Gabriel Dietrich

Der Töpfer, sein Kopf über ein Buch gebeugt, mit einer fast abgebrannten Zigarette in der Hand, interessiert uns eigentlich mehr als das Geschirr. Noch immer mit dem Gefühl in ein Privathaus eingedrungen zu sein, sprechen wir ihn an. An seinem Tisch platz zu nehmen, trauen wir uns nicht. Wir drücken uns in die Ecke zwischen einem tropfenden Spülbecken, einem Bücherregal und der Tischkante. So bleiben wir fast eine Stunde stehen, während er zu uns hochschaut, pafft und mit leiser Stimme und einem feinen spanischen Akzent erzählt.

Irgendwann dreht er am Volumen der Musikanlage hinter sich. Eine CD-Sammlung türmt sich auf dem Regal darüber. Ein Foto von Elvis Presley ist an die Wand gepinnt. „Ich habe am gleichen Tag Geburtstag wie er“, sagt Lino. Am 8. Januar. Lino ist etwas jünger, 72. Er zog von Mexiko nach Europa, lebte länger in Spanien, zog in einen Kibbuz in Israel und später nach Australien. Er erzählt von einer verflossenen Liebe und seiner australischen Frau. Sie sei „smart and strong“ – klug und stark. Das sei wichtig, sagt der an chronischen Rückenschmerzen leidende Künstler. Von seinen Beschwerden erfahren wir erst am nächsten Tag. Er lädt uns zu einem Kaffee ein. „Aber nicht zu früh.“

Lino im Atelier. Bild: Jonas Grönvik

Mit einer Packung Biscuits in der Hand läuten wir am nächsten Vormittag die Glocke. Lino umarmt uns, drückt uns Frauen einen Kuss auf die Wange. Den Kaffee gibt es „short and strong“, kurz und stark. Unser neuer Freund trägt heute eine Rückenbandage. Das Töpfern hat Linos Körper gezeichnet. Vielleicht ist es auch ein bisschen der Tabak. Auf einem Büchergestell liegt ein Buch, das zum Rauchstopp motivieren soll. Er habe immer wieder aufgehört – das Buch zu lesen, sagt Lino. Wie manche mehrere Bücher gleichzeitig lesen, raucht er mehrere Zigaretten. Erlöscht eine Selbstgedrehte, nimmt er aus dem Aschenbecher eine andere, die noch nicht ganz abgebrannt ist.

Seine starke und kluge Frau, Kim, setzt sich zu uns. Schwarzer Kayal umrahmt ihren Blick. Ihre Stimme ist laut, fröhlich, aufgeregt. Ich fühle mich an ein Gartenfest mit meiner Familie erinnert. Wo meine Tante ihre Cusine übertönt, niemand weiss, worum sich das Gespräch dreht, aber alle bestens unterhalten sind. Verflogen ist das Gefühl eines Eindringlings, wohlig ist es hier im warmen Atelier mit dem herzlichen Paar.

Kim zieht uns mit ihrer Energie in den Bann. Bild: Jonas Grönvik

Die richtigen Entscheide sind jene, bei denen man nur einmal überlegt. So war es offenbar auch bei Kim und Lino. In den 90ern gab es ein einzigartiges Angebot: Sie dürfen gratis in einem historischen Haus in Hill End wohnen, müssen es aber erhalten. Kim und Lino tauschten also das Chaos von Newtown – sie lebten in einer Parallelstrassse von uns – mit der Abgeschiedenheit. Das Angebot nahmen damals insbesondere Kunstschaffende an. Heute lebt noch eine Handvoll von ihnen permanent in Hill End. Die Töpferei durften Lino und Kim vor rund 25 Jahren neben ihrem Häuschen bauen – im Stil, wie es die Goldgräber vor über hundert Jahren auch getan hätten.

Ach ja, vom Gold habe ich noch nichts erzählt. Ist es doch der eigentliche Grund, weshalb wir nach Hill End fuhren. Weg aus der warmen Töpferei, hinein ins kalte Bachbett.

Jhob lebt das weiter, was seine Vorfahren nach Hill End gebracht hat. Er sucht nach Gold. Ich wage zwar zu behaupten, dass er sein Geld eher mit Touristinnen und Touristen verdient. Er zeigt ihnen, wie man im Bach nach Gold schürft. Wir buchen einen solchen Kurs. Und sind damit die einzigen kinderlosen Erwachsenen, die sich an diesem Mittag die Hände schmutzig machen wollen.

Das Wichtigste zuerst: „Gold is heavy“, Gold ist schwer, ruft Jhob in die Menge. Er steht mit Gummistiefeln im Wasser. Er könnte ebenso auf einer Theaterbühne stehen. Mit Pathos in der Stimme und dramaturgischen Pausen verspricht er, dass jede und jeder heute mit Gold nach Hause gehen wird. Wenn die Technik und die Geduld sitzt.

Bild: Jonas Grönvik

Geduld haben wir. Wir schürfen etwas von der Gruppe – zugegeben von den Kindern – entfernt. Wir kneten in der Pfanne eine Suppe aus Wasser, Tonerde und Steinen. Schwenken diese Suppe hin und her. Lassen dem Gold also die Möglichkeit, sich am Boden der Pfanne festzusetzen. Irgendwann sitzt die Technik. Goldpartikel bleiben am Boden der Pfanne hängen. Sie sind so gross, also klein, wie Sandkörner. Die kalten Hände sind damit schnell vergessen. Wir schaufeln, schwenken und staunen weiter. Leider zahlt sich unsere Geduld nicht aus. Jhob fährt auf seinem Quad zu uns. Auf der Packfläche sind die gereinigten Pfannen und Schaufeln der anderen Teilnehmenden, die alle bereits abgedüst sind. Nach nur zwei Stunden ist das Schürfen vorbei.

Wir schlendern durch Hill End und kehren im Café ein. Betrieben wird es, ihr vermutet richtig, von einem Unikat. Jim hat es erst vor Kurzem übernommen. Man könnte jedoch meinen, er stehe seit Jahrzehnten hinter dem Tresen. Gut, vielleicht eher mit einem Zapfhahn statt mit einem Kaffeekolben in der Hand. Er trägt einen langen, grauen Bart, einen typisch australischen Lederhut und eine extrovertierte Art zur Schau. Jim spricht mit uns, als würde er uns schon lange kennen. Das Gespräch spickt er mit seiner Philosophie. Hautfarben gebe es nicht, sagt er beispielsweise lösgelöst vom Kontext. Wer liebt, soll lieben. Egal wen. Jim ist ein alter, weisser Mann, dem ich zunicken kann. Zu Wort komme ich nicht. Vielleicht frage ich nächstes Mal, weshalb er in Hill End Kaffee serviert.

Jim hätte wohl noch viel zu erzählen. Bild: Jonas Grönvik

Eine Geisterstadt ist Hill End nicht. Wo würden die Geister wohnen? Viele Häuser gibt es schlicht nicht mehr. Die frühere Hauptstrasse säumen Schilder, auf denen steht, welche Häuser hier einmal gestanden haben. Während dem Gold Rush. Damals gab es 28 Pubs im Ort. Genügend Betten für alle Vorbeiziehenden hatte es dennoch nicht. Manche schliefen auf oder unter dem Billard-Tisch, wie auf einem Schild steht.

Wir nehmen das als Inspiration. Also quasi. Wir planen trotz Temperaturen um den Gefrierpunkt im Van und den Zelten zu schlafen. Der Billard-Tisch des noch einzigen Pubs im Ort steht in einem Raum mit einem Kamin. Ich setze die erste Spielrunde aus und würde mich gerne aufs Feuer setzen. Arschkalt. Entschuldigt die treffende Wortwahl. Das Abendprogramm ist gefunden: Billard, Burger und Bier. Und Tee, aber das Wort passt nicht.

Bild: Jonas Grönvik

Ein Mann in Arbeiterhose und Stahlkappenschuhen stellt sich mit seinem Guinness ans Feuer. Wir kommen ins Gespräch. Das Gold lockte Peter, so heisst er, in die Region. Statt im Bachbett sucht er dieses mit einem Metalldetektor. Er sei noch kein Experte, sagt er mehrfach. Den Metalldetektor habe er gebraucht gekauft und bisher noch nichts Wertvolles gefunden. Er gibt sich bescheiden. Stellt sich doch heraus, dass er Archäologie studiert und in Europa auf Ausgrabungsstätten gearbeitet hatte. Darüber erzählt er mit einer Distanz, als würde er vom Leben eines anderen erzählen. Die Träume von damals sind wohl an der Realität zerplatzt. Archäologie sei brotlos, sagt Peter. Heute setzt er Architekturprojekte für Museen um.

Die Faszination für das, was sich in der Erde befindet, hat ihn nie losgelassen. In seiner Freizeit läuft Peter mit dem Metalldetektor durch Wälder, schläft in einem Zelt und behält jede Schrotkugel, die er findet. Diese gibt es in der Region zuhauf. Das stellen wir am nächsten Morgen fest. Spontan fragen wir ihn im Pub, ob wir ihn bei seiner Suche begleiten dürfen.

Gold hat Peter noch nicht gefunden. Oder er behält es für sich. Bild: Jonas Grönvik

Der Metalldetektor gibt ein Geräusch von sich, womit die Landung von Aliens in einem Flim veront werden könnte. Peter schleift ihn in runden Bewegungen über den Boden. Von Experten habe er gehört, dass sie erst dann systematisch suchen, sobald sie etwas gefunden haben. Der Metalldetektor schrillt. Peter nimmt eine kleine Hacke aus seinem Werkzeuggürtel und schürft etwas Waldboden auf ein Häufchen. Der Detektor kann nur zehn Zentimenter unter die Oberfläche „schauen“. Mit dem Gerät fährt er über die aufgeschüttete Erde. Der Detektor piepst. Irgendwas befindet sich darin.

Peter füllt eine kleine Schaufel mit Erde und hält sie über den Detektor. Dieser piepst. Er schüttet sich etwas Erde in die Hand und fährt damit über das Gerät. Kein Piepsen. Die Erde wirft er weg und schüttet sich neue von der Schaufel in die Hand. Das Prozedere wiederholt er, bis der Inhalt in der Hand Metall anzeigt. Aus dem bisschen Erde klaubt er eine Schrotkugel hervor. „Eigentlich ist die Jagd hier schon lange verboten“, sagt er während er das kleine Loch wieder zudeckt. Das Gelände auf dem sich auch die Ortschaft befindet gehört seit Ende der 60er-Jahre zu einem Nationalpark. Dennoch bleibt es nicht die einzige Kugel, die wir finden.

Ein alter Minenzugang weckt Peters Interesse. Wer weiss, vielleicht haben die Mineure Gold übersehen. Peter lässt uns sein Detektor auch benutzen. Das Gewicht wiegt schwer auf dem Unterarm. Mir wird klar: Beim Metalldedektoren geht es nicht nur darum, einen Schatz zu finden. Das Buddeln und Suchen ist etwas sportlich, hinzu kommt die frische Luft. Meiner Meinung nach ist das aufregender, als Golf zu spielen. Schade dennoch, schrillt der Detektor bei der alten Goldmine nicht.

Weil wir uns mit Lino, wie oben beschrieben, auf einen Kaffee verabredet haben, verabschieden wir uns von Peter. Er will noch ein paar Stunden länger durch den Wald ziehen. Aus etwas Entfernung hören wir plötzlich den Metalldetektor schrillen. Wir rennen fast zu ihm zurück. Peter buddelt bereits. Und er findet was. Eine goldene Folie. Wir einigen uns darauf, dass wir beim Erzählen vom Fund letzteres Wort bewusst weglassen: Wir haben Gold gefunden.

Nun habe ich euch lange genug aufgehalten. Vielleicht findet ihr ja bald auch etwas in eurer Umgebung. Auch wenn es bloss ein Gespräch mit einer oder einem Unbekannten ist. Ich schliesse mit einem Satz, der so kitschig klingt, wie ein Diamant eingefasst in einen Goldring: Das Wertvollste sind Begegnungen mit Menschen.

Bild: Jonas Grönvik